Employer Branding

Mitarbeiter im Fokus bei Liqui Moly

Haben es KMU wirklich schwerer Mitarbeiter zu finden? Das Interview mit Rainer Maass, Personalleiter bei Liqui Moly zeigt, dass dem nicht so ist. Dort wurde die Arbeitgebermarke nicht auf dem Reißbrett entworfen, sondern wird seit Jahrzehnten gelebt, was sie glaubwürdig und authentisch macht. Hinzu kommt die Kultur des Mitunternehmertums.     
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Rainer Maass, Personalleiter, Liqui Moly GmbH, Ulm 

Personalwirtschaft: Was macht Liqui Moly zu einem attraktiven Arbeitgeber?

Rainer Maass: Die positive Wahrnehmung beruht in erster Linie darauf, dass wir sowohl innerhalb des Unternehmens als auch mit Partnern und Kunden eine Werteorientierung pflegen, die von unserem Geschäftsführer Ernst Prost vorgelebt wird. Seine Philosophie, „die Wirtschaft muss dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“, ist unser Leitsatz. Werte wie Freundschaft, Respekt, Aufrichtigkeit, Bescheidenheit und Demut sind ihm enorm wichtig. Nach diesen Grundsätzen führt er seine Firma. Wir nennen es den Liqui Moly-Spirit. Daher mussten wir nie eine Strategie aufsetzen, mit dem Ziel ein attraktiver Arbeitgeber zu werden.

Aber Sie kommunizieren die Produkt- und Arbeitgebermarke offensiv.

Ja, wir haben ein sehr professionelles Marketing, mit dem wir uns deutlich sichtbar in den Medien darstellen. Wir pflegen den großen Markenauftritt, der nicht geringe Summen kostet, aber vor allem authentisch ist. Ethik, Moral und soziale Verantwortung als Maßstab für unser Arbeitgeber handeln können wir nur deshalb erfolgreich kommunizieren, weil wir diese Werte seit Jahrzehnten leben. Es sind keine leeren Worthülsen. Anders als bei manchen Betrieben, die externe Berater beauftragen, um eine Arbeitgebermarke zu kreieren. Bei diesem Vorgehen spüren die Beschäftigten, potenzielle Bewerber und auch die Endkunden, dass es sich um Werbesprüche handelt, die nicht das widerspiegeln, was in der Praxis gelebt wird.

Verstehe ich das richtig, dass Sie eine Aversion gegen eine Employer- Branding-Strategie haben?

Manche Unternehmen setzen darauf, aber ich bin skeptisch, was den Erfolg anbelangt. „Culture eats strategy for breakfast“, sagte einmal richtigerweise der Managementdenker Peter F. Drucker. Unternehmenskultur ist nichts, was man aus dem Leeren schöpfen kann. Bei uns ist die Art und Weise zu handeln seit Jahrzehnten gewachsen, weil die Führung die Werte des Unternehmens geprägt hat, sich konsequent danach richtet und von oben nach unten weiterträgt.

Wie zeigt sich das in der Mitarbeiterorientierung?

Unsere Beschäftigten verstehen wir als Mitunternehmer, weil wir alle an einem Strang ziehen. Schon vor Jahrzehnten haben wir in der Unternehmensstrategie das Mitunternehmertum verankert. Denn das Verständnis von einem, der Arbeit gibt, und dem anderen, der Arbeit entgegennimmt, ist überholt. Unser Miteinander ist von viel Eigenverantwortung und einem großem Gestaltungsspielraum geprägt. Dazu braucht man ein Umfeld, in dem man sich auch traut und aufgefordert fühlt, selbstständig zu handeln. Dieses Vertrauen vermittelt die Geschäftsführung und der Freiraum wird von allen verantwortungsvoll genutzt.

Wie sieht das konkret aus?

Zum Beispiel versteht sich die Personalabteilung als Dienstleister für die Beschäftigten. Genauso wie für andere Firmenbereiche gilt auch für uns, dass wir engagierter, fokussierter und menschlicher agieren als andere Unternehmen. Wenn sich ein Mitarbeiter an mich wendet, weil er beispielsweise persönliche Sorgen oder finanzielle Probleme hat, kann ich versuchen, ihm schnell zu helfen. Bei finanziellen Nöten zum Beispiel mit einem Vorschuss oder einem Darlehen. Das schnelle Reagieren funktioniert aber deshalb, weil ich weiß, dass es vom Management getragen, gewünscht und erwartet wird.

Wie unterscheidet sich ein Mitunternehmer von einem Mitarbeiter?

Unserer Mitunternehmerinnen und Mitunternehmer werden beispielsweise seit 1998 am Geschäftserfolg beteiligt. Sie erhalten eine Prämie, deren Höhe der Geschäftsführer festlegt. Anfangs gab es 300 Euro pro Kopf, sukzessive bis ins Jahr 2017 waren es 11 000 Euro pro Person und im vergangenen Jahr bekamen sie „nur“ 2000 Euro. Der Grund war eine ERP-Einführung, die uns sehr belastet hat.

Weitere Beispiele?

Einmal monatlich bekommt jeder Beschäftigte – vom Prokuristen bis zum Reinigungspersonal – ein Schreiben von unserem Geschäftsführer Ernst Prost. Darin teilt er die Unternehmenszahlen in Form von Umsätzen in jedem einzelnen Segment mit, die Ertragszahlen und eine Bewertung zur allgemeinen Lage. Außerdem macht er immer wieder deutlich, dass jeder, der hier arbeitet, eine Verantwortung nicht nur für die Kollegen sondern auch für deren Familie hat. Unsere Kernaufgabe ist es, die Menschen und ihre Familien zu ernähren und nicht nur die Steigerung der Produktverkäufe zu sehen.

Was bleibt von „engagierter“ und „menschlicher“ in der Krise?

Dass Flexibilität, Zuverlässigkeit und Kollegialität, die uns ausmachen, keine leeren Phrasen sind, zeigt sich gerade in der Krise. Wir handeln nach der Devise: Es wird weiter geschafft, wie der Schwabe sagt, und es wird niemand entlassen. Unser Geschäftsführer verzichtet derzeit auf sein Gehalt, weil er sagt, dass er auch ohne monatliche Bezüge klarkommen kann. Stattdessen möchte er die Arbeitsplätze aller Beschäftigten, inklusive der Leiharbeiter, sichern. Auch auf Kurzarbeit verzichten wir komplett. Außerdem erhielt jeder Mitarbeiter im April eine Prämienzahlung in Höhe von 1500 Euro sozusagen als Corona-Zulage überwiesen. Denn die Menschen können es gerade in diesen Zeiten gebrauchen. In vielen Familien ist wegen des Shutdowns der zweite Verdienst weggebrochen. In diesem Handeln zeigt sich, dass wird das Vertrauen, was wir aufgebaut haben, auch wirklich leben.

Zahlt sich das Image von Liqui Moly bei der Personalgewinnung aus?

Wir bekommen die Leute, die wir suchen und auch haben möchten. In den letzten 30 Jahren mussten wir vielleicht zweimal einen Personalberater beauftragen. Gut 50 Prozent der Kandidaten bewerben sich, weil sie über Freunde und Bekannte von uns gehört haben. Die Weiterempfehlungsquote liegt damit relativ hoch. Außerdem möchten auch nicht wenige Familienangehörige bei uns angestellt sein. Das heißt aber nicht, dass diese bevorzugt werden. Wenn sie sich bewerben, werden sie auf jeden Fall zum Gespräch gebeten. Der einzelne steht dann in Konkurrenz zu den Mitbewerbern. Wenn er mindestens so gut ist wie der Beste von ihnen und ins Unternehmen passt, bekommt er die Stelle, sonst nicht.

Wie unterscheiden Sie sich von anderen Mittelständlern? Was ist sozusagen das Alleinstellungsmerkmal?

Unsere Leitlinie, dass die Wirtschaft dem Menschen dient und nicht umgekehrt, hat sich herumgesprochen. Im Mittelpunkt steht bei uns der einzelne Mitarbeiter. Natürlich sind wir ein Wirtschaftsunternehmen und müssen unsere Leistung erwirtschaften und Gewinn erbringen. Doch ich habe in den letzten 30 Jahren noch nie jemanden aus wirtschaftlichen Gründen entlassen müssen. Unser Geschäftsführer opfert eher den Gewinn, anstatt Menschen entlassen zu müssen.

Sind diese Prinzipien von Liqui Moly auch in Großunternehmen anwendbar?

Das ist eine spannende Frage. Wenn börsennotierte Unternehmen sich ausschließlich das Ziel setzen, immer höhere Dividenden auszuzahlen, ist es kaum vorstellbar. Aber es wäre eine Option, den Aktionären klarzumachen, dass der Betrieb auch eine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen muss, dass er zwar Gewinn orientiert arbeitet, aber nicht um jeden Cent. Dieses Interesse teilen aber die meisten Aktionäre nicht. Es sei denn, sie würden in dem Unternehmen selbst arbeiten und Kurzarbeit oder Entlassung selbst zu spüren bekommen.

Sie haben in der Krise das Werbebudget erhöht für TV-Spots und Rundfunkwerbung? Warum?

Weil wir nicht vor Angst erstarren und darauf hoffen, dass es schon nicht so schlimm kommen wird. Stattdessen nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand. Ein Unternehmen, das nichts mehr unternimmt, ist am Ende kein Unternehmen mehr, Außerdem profitieren wir davon, dass viele unserer Wettbewerber ihre Werbebudgets zusammengestrichen und damit uns das Feld überlassen haben. Den Vorsprung, den wir uns durch unser antizyklisches Verhalten jetzt herausarbeiten, holen die anderen nicht mehr ein.

Das Interview führte Christiane Siemann.

Liqui Moly GmbH, mit Hauptsitz in Ulm, ist auf die Herstellung von Additiven, Schmierstoffen und Motorenölen spezialisiert. Im Jahr 1957 gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute 950 Mitarbeiter. Inzwischen exportiert es in 150 Länder, eigene Vertriebstochtergesellschaften existieren in Portugal, Südafrika, den USA, Italien und Frankreich. Als Ideenschmiede und Global Player mit schwäbischen Wurzeln forscht, entwickelt und produziert das Unternehmen ausschließlich in Deutschland.