Google for Jobs: Viel Lärm um nichts?

Im Mai 2019 ging Google for Jobs in Deutschland an den Start und sorgte damit für einige Aufregung in der Recruiting-Branche. Scheinbar zu Unrecht, denn auf den ersten Blick hat sich wenig geändert. Unternehmen nutzen den Kanal zusätzlich, nicht als Ersatz.

Revolution“, „Eroberung“, gar „Jobbörsen-Killer“. Manch ein Berichterstatter wählte in den vergangenen Monaten martialisches Vokabular, wenn es darum ging, den Markteintritt von Googles Jobsuchfunktion zu kommentieren. Mittlerweile hat sich der Kanonendampf verzogen, und siehe da: Sehr viel hat sich seitdem nicht verändert. Bisher zumindest. Viele potenzielle Bewerber haben ihre Suche ohnehin auch früher schon bei Google begonnen. Ein entscheidender Unterschied besteht jedoch darin, dass sie bisher durch die organischen Suchergebnisse oder bezahlte Anzeigen auf die Seiten der Anbieter weitergeleitet wurden. Nun erhalten sie passende Ergebnisse zu ihrer Suche inklusive der wichtigsten Informationen zu den Jobs in einer prominent hervorgehobenen blauen Box. Sie bleiben damit bei Google und werden erst auf externe Angebote weitergeleitet, wenn sie auf die Schaltfläche „Bewerben“ klicken.

MISSBRAUCH DER MARKTDOMINANZ?

Der oft gezogene Vergleich zu Google Shopping hinkt, wie im Kleingedruckten einer solchen Suche zu lesen ist: „Google erhält von diesen Händlern eine Vergütung. Die Zahlung ist einer von mehreren Faktoren, die für das Ranking dieser Ergebnisse verwendet werden.“ Das lässt Kritiker Böses erahnen. Denn es ist nicht völlig abwegig, dass das Erlösmodell irgendwann auch einmal auf Google for Jobs übertragen oder das Angebot auf eine andere Weise monetarisiert wird. Den Giganten aus Mountain View links liegen zu lassen, kann sich indes kein Marktteilnehmer erlauben. Zu groß ist die Dominanz des Konzerns bei der Internetsuche. Die könnte noch zu einem Problem für Google werden. Mitte August 2019 wendeten sich 23 europäische Jobbörsen in einem Brief an die seinerzeit noch amtierende EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager. Sie werfen Google vor, seine Marktdominanz zu missbrauchen. Konkurrenten würden in den Suchergebnissen nach unten und somit langfristig möglicherweise auch aus dem Markt verdrängt. Einer Studie von Searchmetrics zufolge scheinen die Vorwürfe zumindest nicht völlig aus der Luft gegriffen zu sein. Sie zeigte, dass Xing, Stellenanzeigen.de und Linkedin am häufigsten im sichtbaren Bereich der Box zu sehen sind. Am meisten Sichtbarkeit verloren demnach Indeed und Stepstone, die beide die technischen Vorgaben zur Listung bei Google for Jobs bisher nicht umgesetzt haben. Wie es weitergeht, ist offen. 2017 verhängte die EU-Kommission zumindest eine Wettbewerbsstrafe von 2,42 Milliarden Euro gegen Google, weil die Suchmaschine Konkurrenten bei der Online-Shopping-Suche benachteiligt habe.

UNTERNEHMEN BLEIBEN GELASSEN

Aufseiten der Unternehmen wird Google for Jobs vor allem als willkommene Ergänzung gesehen. Der Kreditmarktplatz Smava beispielsweise hat sich für einen Testlauf entschieden, berichtet Maria Maximino, Head of Talent Acquisition & Employer Branding: „Wir prüfen kontinuierlich, welche weiteren Möglichkeiten wir nutzen können, um passende Talente zu finden. Google for Jobs ist eine davon.“ Die Funktion habe das Potenzial, Interessenten und Unternehmen weltweit leichter und schneller in Kontakt zu bringen – das sei ein klarer Vorteil. Es sei allerdings noch zu früh, um eine abschließende Einschätzung zu treffen. „Spätestens mit Google for Jobs muss aber jedem klar werden, dass digitales Recruiting digitale Kompetenzen wie zum Beispiel SEO (Search Engine Optimization, Suchmaschinenoptimierung) erfordert“, so Maria Maximino weiter. Heiko Mühle, Geschäftsführer der Beratung HRM Consulting, rät Recruiting-Verant wortlichen, ihre Erwartungen an Google for Jobs zu drosseln: „Der Job-Aggregator aus dem Silicon Valley wird ihnen nicht signifikant dabei helfen können, ihre Vakanzen schneller zu besetzen oder ihre Cost per Application zu senken.“ Ein Kernproblem liege an einer ganz anderen Stelle: im „beklagenswerten Missverhältnis zwischen offenen Vakanzen und verfügbaren Talenten in Deutschland“. Darauf werde auch Google keinen Einfluss nehmen können. Insofern verwundert es nicht, dass ihm bisher keine Arbeitgeber bekannt sind, die durch Google for Jobs ihre RecruitingLage spürbar verbessern konnten. „Unsere Kunden haben seit dem Produktstart auch nicht weniger Medialeistungen nachgefragt“, berichtet Heiko Mühle weiter. Wer zunächst abwarten wolle, werde kurzfristig sicherlich noch keine spürbaren Nachteile im Recruiting erleiden. Die Mehrheit der Jobsuchenden wählt allerdings Google als Ausgangspunkt. Daher würden Unternehmen leichtfertig handeln, wenn sie ihre Daten auf den Job boards nicht zumindest gemäß den Google-Vorgaben aufbereiten würden: „Es ist davon auszugehen, dass für Google auch dieser Lebensbereich bereits so interessant geworden ist, dass das Produkt im Zusammenspiel mit den sonstigen Google-Datenquellen das Nutzerverhalten von Jobsuchenden auf längere Sicht nachhaltig verändern wird.“ Insofern könnte Google for Jobs – vorbehaltlich seiner wettbewerbsrechtlichen Zulässigkeit – künftig an Bedeutung gewinnen.

David Schahinian, freier Jounalist, Frankfurt 

AUS DER PRAXIS

Drei Fragen an Susanne Woyke, Expertin Talent Acquisition, HR Center of Excellence Germany, zur Nutzung von Google for Jobs bei der TÜV Süd AG.

Hat sich TÜV Süd bewusst für eine Listung bei Google for Jobs entschieden?
Das Thema Auffindbarkeit bei Suchmaschinen war schon lange vor Google for Jobs ein wichtiges Thema bei uns. Und Google ist nicht erst seit Google for Jobs eine relevante Größe im Jobmarkt: Rund 70 Prozent der Jobsuchenden starten ihre Suche bei Google. Neu ist lediglich, dass unterhalb der bezahlten Anzeigen ein blauer Kasten mit Stellen und Filtermöglichkeiten aufgeführt wird. Eine ähnliche Funktionalität kennt man schon von Google Shopping oder von der Flugsuche. Dennoch haben wir uns mit dem Markteintritt von Google for Jobs noch einmal speziell mit den technischen Voraussetzungen für das Listing auseinandergesetzt und einige Anpassungen vorgenommen.

Über welchen Weg werden die Stellenanzeigen bei Google for Jobs eingespielt?
Wie hat sich die Listung seit dem Marktstart ausgewirkt? Unser Stellenfeed ist so konzipiert, dass die Stelleninformationen gecrawlt werden können, aber wir sind auch über unsere Partner in Google for Jobs vertreten. Unsere Zugriffe über Google sind konstant hoch, haben sich aber seit dem Start von Google for Jobs nicht merklich verändert. Wir werden auch weiterhin an unserer Online-Sichtbarkeit arbeiten, hier natürlich auch die Entwicklung von Google for Jobs beobachten und SEO-relevante Bestandteile unseres Job-Feeds verbessern. Wir werden aber ebenso bewährte Maßnahmen fortführen und ausbauen, die eine hohe Reichweite haben und uns zudem die Möglichkeit geben, unsere Arbeitgebermarke zu kommunizieren.

Welche Vorteile und welche Nachteile sehen Sie bei Google for Jobs?
Ein Vorteil von Google for Jobs ist, dass ein Unternehmen seine Online-Sichtbarkeit und seine Reichweite erhöht, wenn es im Index gelistet ist. Als entscheidenden Nachteil sehe ich, dass Google for Jobs dem Employer Branding keinen Raum gibt. Stattdessen werden lediglich die Informationen zur Stelle in einer unformatierten Ausschreibung zur Verfügung gestellt. Auch die Candidate Journey durch diffuse Call-to-Action-Angebote ist aus unserer Sicht nicht optimal und kann Kandidaten eher frustrieren als für eine Bewerbung motivieren. Die Kandidaten kommen im Bewerbungsprozess erst sehr spät bis gar nicht auf die Karriere-Website des Unternehmens und so könnte es sein, dass man den Kandidaten schon vorher verliert.

 

AUS DER PRAXIS
Die Able Management Services GmbH nutzt Google for Jobs im Recruiting. Drei Fragen dazu an Nando Förster, Head of Marketing HR & Freelance, und Jörn Dorna, Manager Marketing Services HR & Freelance.

Hat sich Able bewusst für eine Listung bei Google for Jobs entschieden?
Im Rahmen unserer Recruiting- und Employer-Branding-Strategie wissen wir um die Relevanz von Google für die Unternehmen der Able Group als Touchpoint zur Gewinnung neuer Mitarbeiter. Verbunden mit der Ankündigung, Google for Jobs, das in den USA bereits seit Längerem verfügbar ist, in Deutschland zu starten, haben wir intern die notwendigen Vorbereitungen (in Prozess, Technik, Content und Reporting) geplant und umgesetzt.

Wie hat sich die Listung bisher ausgewirkt?
Seit dem Start analysieren und bewerten wir anhand der von uns definierten KPIs die Performance von Google for Jobs für uns als Arbeitgeber. Heute wissen wir: Die Revolution der Jobsuche und die von vielen vorhergesagte Erschütterung der Jobbörsen-Landschaft in Deutschland hat (noch) nicht stattgefunden. Google for Jobs ergänzt unser Recruiting-Portfolio und unsere SEO- und SEAMaßnahmen, ersetzt diese jedoch nicht.

Welche Vorteile und welche Nachteile sehen Sie bei Google for Jobs?
Unser Interesse ist es, von Tag eins an dabei zu sein und Jobsuchenden bei ihrer Suche nach einem Arbeitsplatz unsere Stellenangebote bestmöglich zugänglich zu machen. Mit Blick auf die hohe Akzeptanz von Google bei deutschen Usern und das Know-how von Google, dem User relevante Suchergebnisse und damit verbunden auch passende Jobangebote anzubieten, hat unser Team den Start von Google for Jobs mit Spannung und Neugier erwartet. Die weitere Entwicklung werden wir unverändert aufmerksam begleiten.

 

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